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Darum steht der Biosimilar-Standort auf der Kippe

Für Biosimilars sollen bald die gleichen Preisregeln wie für Generika gelten. Das heißt: In Ausschreibungen der Krankenkassen erhält nur der billigste Anbieter den Zuschlag. Der dadurch ausgelöste Preisdruck bedroht den Biotech-Standort Deutschland und lässt eine Abwanderung der Produktion befürchten. Hier erklären Biosimilars-Hersteller, was das Vorhaben für ihre Unternehmen bedeutet.

Biosimilars sind die günstigeren Nachfolger teurer Original-Biotech-Arzneien. Sie sind aufwendig zu entwickeln und teuer in der Herstellung. Läuft ein Patent eines Originals ab, drängen heute meist mehrere Anbieter mit Biosimilars auf den Markt. Dieser Wettbewerb sorgt für Milliarden-Einsparungen bei den Gesetzlichen Krankenkassen.

Doch ein Gesetz aus dem Jahr 2019, das jetzt erst umgesetzt wird, soll das grundlegend ändern: Zukünftig bekommt nur noch das Unternehmen den Zuschlag der Krankenkasse, das den günstigsten Preis bietet.

Dieses Vorhaben, das den Krankenkassen Geld sparen soll, hat das Potential den Biosimilar-Standort Deutschland ernsthaft zu gefährden. Denn der gleiche Mechanismus hat bei Generika bereits zu einem ruinösen Preiskampf und zur Erosion des Produktionsstandorts Deutschland geführt.

Jetzt soll der Fehler bei biotechnologischen Arzneimitteln wiederholt werden.

Hier erklären Biosimilars-Hersteller, was das Vorhaben für ihre Unternehmen bedeutet:

Koalitionsversprechen versus Realität

Die Diskrepanz zwischen politischen Zielen und regulatorischen Plänen könnte kaum größer sein. Bork Bretthauer, Geschäftsführer der AG Pro Biosimilars, fasst das Dilemma zusammen: „'Wir werden Deutschland zum weltweit innovativsten Biotech-Standort machen.' So steht's im Koalitionsvertrag."

Doch wenn Hauptsache-billig auch für Biotech-Medikamente gelten soll, ist dieses Ziel nicht zu schaffen. Im Gegenteil.

Biotech unter Druck: Das gilt und das ist geplant

Hier erzählen drei Biosimilars-Hersteller, was die neue Regel für ihr Unternehmen bedeutet

„Was wir brauchen, sind stabile Rahmenbedingungen"

Thomas Weigold ist Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal. Sein Unternehmen hat am Standort Holzkirchen Millionen Euro in eines der modernsten Biotech-Labore Europas investiert. „Damit unterstützen wir das politische Ziel, Deutschland zu dem führenden Standort in der Biotech zu machen", erklärt Weigold. Doch das Niedrigpreisprinzip stelle sie vor enorme Herausforderungen.

Thomas Weigold

Country President Sandoz Germany

Damit solche Investitionen auch in der Zukunft möglich sind, braucht es nachhaltige und zuverlässige Rahmenbedingungen.

„Die Regel wird dem Standort schaden"

Alexandra Handrich ist Deutschland-Chefin des Biotech-Konzerns Biogen. Wenn bei ihr unternehmensinternen Entscheidungen über Investitionen anstehen, spielen die Rahmenbedingungen an den einzelnen Standorten eine ganz entscheidende Rolle. Weil die Entwicklung so teuer ist, brauche es Anreize. Über die konkreten Folgen des Vorhabens lassen sich schwer Prognosen treffen. Doch eines ist für sie klar:

Alexandra Handrich

Deutschland-Chefin Biogen

Es wird massive Folgen für den Standort Deutschland – und damit für die Versorgung haben.

„Das ist kein gesunder Wettbewerb mehr"

Die Sorge vor den Folgen der geplanten Regelung prägt bereits heute die Diskussion in den Unternehmen. Martin Spatz, Head of Specialty Business Germany, ist für die STADA tätig. In Schleswig-Holstein, sagt er, produzieren sie wichtige Biotech-Medikamente für die ganze Welt. „Noch ist das wirtschaftlich darstellbar", sagt Spatz. Doch dafür brauche es faire Rahmenbedingungen.

Martin Spatz

Head of Specialty Business Germany STADA

Wenn sich in Zukunft die Rahmenbedingungen ändern und wir uns gegenseitig unterbieten müssen, hat das mit gesunder Konkurrenz nicht mehr viel zu tun.

„Den Worten müssen endlich Taten folgen"

Auch Andreas Burkhardt, Geschäftsführer bei Teva Deutschland, sagt, sie haben massiv in den Ausbau von Biotech am Standort Ulm investiert. Doch es werde immer schwieriger, den Standort nachhaltig zu sichern.

Andreas Burkhardt

SVP General Manager Deutschland Teva

Deutschland kann ein führender Biotech-Standort bleiben – aber dafür muss die Politik den Worten endlich Taten folgen lassen.

So geht es weiter: Politik muss handeln

Der Gemeinsame Bundesausschuss wertet aktuell Stellungnahmen aus. Einen fester Zeitplan zum Abschluss des Verfahrens gibt es nicht – die Unsicherheit bleibt. kommt es zum Entschluss kann das Bundesgesundheitsministerium das Vorhaben rechtlich prüfen und eingreifen. Klar ist: Regeln müssen so gesetzt sein, dass mehrere Anbieter im Markt bleiben, Investitionen sich lohnen – und Biotech-Produktion in Deutschland eine Zukunft hat. Bork Bretthauer sieht die Politik in der Pflicht.

Bork Bretthauer

Geschäftsführer AG Pro Biosimilars

Wenn wir weltweit wirklich führend sein wollen, müssen wir die Unternehmen jetzt stärken, statt sie zu schwächen.

„Der gleiche Fehler wie bei Generika – nur diesmal teurer“

Im Interview warnt Walter Röhrer, Vorsitzender der AG Pro Biosimilars, vor dem „Generika-Fehler 2.0“ – und erklärt, warum kurzfristige Einsparungen die Versorgung schwächen und verteuern könnten.

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Exklusive Rabattverträge gefährden  funktionierendes System

Das Biosimilar-System läuft stabil. Doch nun sollen exklusive Rabattverträge eingeführt werden. Dabei kommt nur der billigste Anbieter zum Zuge, alle anderen werden verdrängt. Das macht die Versorgung unsicher.

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